KORSO wird Zentralrat

Bei einer außerordentlichen Ratsversammlung hat der Koordinierungsrat säkularer Organisationen (KORSO) am gestrigen Sonntag, 19. September 2021, eine umfassende Satzungsreform beschlossen. Die auffälligste Neuerung betrifft den Namen der Organisation, die damit zum Zentralrat der Konfessionsfreien wird. Mit dieser Namensänderung definiert der künftige Zentralrat auch seine Rolle neu: „Pünktlich zur neuen Wahlperiode des Deutschen Bundestags stellen wir uns als Lobbyorganisation auf“, so der Vorsitzende Dr. Rainer Rosenzweig, „die sich für die Rechte und Interessen konfessionsfreier Menschen in Deutschland gegenüber den Abgeordneten des Deutschen Bundestages stark macht.“

 

Rainer Rosenzweig (Foto: Evelin Frerk)

Für diese Arbeit hat der KORSO einen Repräsentanten beauftragt, den Zentralrat der Konfessionsfreien ab Oktober in den Medien und gegenüber der Politik zu vertreten: Philipp Möller, Pressereferent und langjähriges Beiratsmitglied der Giordano-Bruno-Stiftung, einer der Gründungsorganisationen des KORSO. Seine Öffentlichkeitsarbeit im säkularen Spektrum begann er als Pressesprecher der Buskampagne und brachte mit „Disput / Berlin!“ die Eckpunkte von Humanismus und Aufklärung in die sozialen Medien. Er ist vielfach in TV-Talkshows aufgetreten, unter anderem bei Anne Will, Markus Lanz, Sandra Maischberger, Maybritt Illner und im Nachtcafé; auch sein vorletztes Buch „Gottlos Glücklich“ wurde zum SPIEGEL-Bestseller.

 

Philipp Möller (Foto: Evelin Frerk)

Weitere Satzungsänderungen betreffen die Organisationsstruktur des künftigen Zentralrats: Seine Mitgliedsverbände werden nach der neuen Satzung durch einen Verbandsrat repräsentiert. Zusätzlich dazu wird ein Expertenrat etabliert, der den Zentralrat der Konfessionsfreien in fachlichen Fragen beraten wird.

Laura Wartschinski und Konstantin Haubner, Bundesarbeitsgemeinschaft Humanistischer Studierender (Foto: Evelin Frerk)

 

Der Dachverband freier Weltanschauungsgemeinschaften hat sich entschlossen, diesen Weg nicht mitzugehen und verlässt den KORSO, der dafür allerdings zwei neue Mitgliedsorganisationen gewinnen konnte. Aufgenommen wurde die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS). Sie setzt sich seit 1980 für die Selbstbestimmung am Lebensende ein und vertritt bundesweit fast 22.000 Mitglieder und knapp 2.500 weitere Unterstützer. Ebenso wurde die Bundesarbeitsgemeinschaft Humanistischer Studierender aufgenommen, in der sich rund 20 humanistische Hochschulgruppen zusammengeschlossen haben.

 

An der außerordentlichen Ratsversammlung des KORSO nahmen 18 Gäste und Delegierte aus zehn Mitgliedsorganisationen teil. Die Satzungsänderungen und damit auch die Umbenennung werden wirksam, sobald sie beim Amtsgericht eingetragen wurden. Bis dahin ist der Zentralrat im Netz noch unter https://korso-deutschland.de/ erreichbar.

 

Dazu ein Interview im Humanistischen Pressedienst hpd.de vom 24. September 2021:
Jetzt sind auch die Konfessionsfreien mit einem Zentralrat am Start.

 

Ratsversammlung des KORSO, künftig: Zentralrat der Konfessionsfreien, im Nachbarschaftshaus Urbanstraße, Berlin (Foto: Michael Wladarsch)

 

Delegierte v.l.: Michael Wladarsch (bfg Bayern), Elke Held (gbs), Ralf Lux (DFV), Stefan Paintner (Säkulare Flüchtlingshilfe), Philipp Möller (Zentralrat), Laura Wartschinski (BAGHS), Konstantin Haubner (BAGHS), Michael Schmidt-Salomon (gbs), Rainer Rosenzweig (Zentralrat), Silvia Kortmann (vorne, IBKA), Ulla Bonekoh (hinten, DGHS), Petra Bruns (IBKA), Detlef Diekow (JwD), Wolf Merk (StG), Swaantje Schlittgen (DFW); drei Gäste nicht im Bild.

 

Dennis Riehle
September 27th, 2021 at 9:06 am

Als konfessionsloser Christ störe ich mich an der Vereinnahmung durch den umbenannten „Koordinierungsrat säkularer Organisationen“. Neuerdings heißt er „Zentralrat der Konfessionsfreien“ – und beansprucht mit diesem Namen einerseits mehr politischen Einfluss und sicherlich auch eine Äquivalenz zu anderen Institutionen gleicher Bezeichnung – beispielsweise jener in Österreich.

Nicht nur die personelle Besetzung, sondern auch die Mitgliedsorganisationen machen deutlich, dass es sich in erster Linie um einen Zusammenschluss von atheistischen und laizistischen Verbänden handelt, weniger um Konfessionslose im eigenen Sinn – die im allgemeinen Sprachverständnis als der Kirche ferne Personen, aber nicht zwingend religiös bekenntnisfreie Menschen verstanden werden.

Das offenbar bewusste Ansinnen, mit der Betitelung der „Konfessionsfreien“ eine weit über das säkulare Spektrum hinausgehende Menge anzusprechen und damit letztlich den Anschein zu erwecken, deutlich mehr Bürger zu vertreten als in Wahrheit möglich, irritiert und lässt vermuten, wonach man sich größer machen will, als man tatsächlich ist.

Denn zweifelsohne begehren die Atheisten in Deutschland einen besseren Stand, als sie ihn momentan haben. Nachdem ich über mehrere Jahre auch der Bewegung des Evolutionären Humanismus angehörte, weiß ich um den dortigen Wunschgedanken nach mehr Einfluss und Mitsprache in politischen und gesellschaftlichen Fragen.

Allerdings belügt sich die Dachorganisation bewusst selbst, wenn sie davon träumt, schon bald mit Katholiken und Protestanten zahlenmäßig auf einer Stufe zu stehen. Denn: Nicht jeder Mensch, der die Kirche verlässt, kann automatisch zum säkularen Spektrum gezählt werden. Im Gegenteil: Man muss davon ausgehen, dass dem Weggang aus einer Konfession vorrangig nicht-religiöse Gründe wie die Kirchensteuer, die Missbrauchsfälle oder eine persönliche Zerrüttung zugrunde liegen.

Insofern bleiben die meisten Menschen, die die Kirche verlassen, gläubig – und zumeist auch den wesentlichen Überzeugungen des Christentums treu. Offiziell sind sie mit ihrem Ausscheiden aus ihrer Religionsgemeinschaft aber „konfessionsfrei“. Ich empfinde es als übergriffig, wenn diese Personen vom neuen Zentralrat zu okkupieren versucht werden.

Immerhin wird der fälschliche Eindruck erweckt, wonach Konfessionsfreie zwangsläufig als laizistisch, atheistisch oder zumindest evolutionär-humanistisch geprägt seien. Diese Verzerrung dient allein der Besserstellung dieser Institution in der öffentlichen Wahrnehmung, spiegelt aber keinesfalls die Realitäten wider.

Ich möchte als konfessionsloser Christ nicht dazu zweckentfremdet werden, die Zahl der Säkularen künstlich nach oben zu treiben. Insofern widerspreche ich ausdrücklich und verwahre mich dagegen, vom selbsternannten Zentralrat repräsentiert zu werden.

Heribert Wasserberg
September 28th, 2021 at 10:20 am

Sehr geehrter Herr Riehle, als reformierter Christ bin ich kein Angehöriger einer Zielgruppe dieses neuen Zentralrates, als evangelischer Pfarrer schon gar nicht. Mich stört eher der Ausdruck „Zentralrat“, der nur für die jüdische Community einigermaßen angemessen erscheint, aber bei dem ZMD nicht, und bei dem vergessenen ZR der Ex-Muslime schon gar nicht, und außerdem durch die stalinistischen Zentralkomitees belastet ist. Auch der Ausdruck „Konfessionsfrei“ ist nicht unproblematisch, hat einen polemischen Aspekt, aber zumindest ich sehe hier keine besseren Alternativen.
Am Ende ist es sowieso allein Sache derer, die sich zusammenschließen, ihrem Zusammenschluss einen Namen zu geben; auch das gehört zum Selbstverständlichen in der modernen Gesellschaft.
Ich finde es notwendig, dass die 41%, die keiner religiösen oder weltanschaulichen Gemeinschaft angehören, dafür kämpfen, nur den gemeinsam verbindlich vereinten Grundrechten, die zugleich auch Grundpflichten sind, verpflichtet leben zu müssen. Ist dies der Zweck dieser Vereinigung, handelt sie auch in meinem Interesse, in Ihrem Interesse, im Interesse aller.

Sicher ist es ein unschöner Schönheitsfehler, dass die GBS, die man, wenn man dies möchte, als eine dogmatische weltanschauliche Sekte aufgrund ihres „evolutionären Humanismus“, ansehen kann, Gründungsmitglied ist. Ich halte diese Ideologie für anmaßend, totalitär und gefährlich. Ähnliches gilt auch für die Humanisten, die man durchaus so ähnlich ansehen kann.

Dies wird sicher die Ausstrahlungskraft und Handlungsfähigkeit dieser Gruppe behindern, denn die 41%, die sich weitgehend gut eingerichtet haben, in ihrer Privatreligiosität oder -weltanschauung, werden die GBS oder die Humanisten niemals besonders sexy finden können und sich fragen, was dieser Zentralrat für eine Truppe ist. So ähnlich wie Sie oder anders als Sie.

Aber diese Vereinigung verfolgt ein legitimes Ziel, sogar ein wertvolles, sofern sie hält, was sie verspricht. Und was sie nicht tut, ist Zahlen künstlich nach oben zu treiben, um sich selber aufzuspielen. Wenn Sie das anders sehen: Gründen Sie doch einen Zentralrat der der religiösen Konfessionslosen.

Philipp Möller
September 29th, 2021 at 1:55 pm

Sehr geehrter Herr Wasserberg,

auch Ihnen erstmal einen herzlichen Dank für Ihre Worte, auf die wir ebenfalls kurz eingehen möchten:

Besonders attraktiv ist der Begriff des „Zentralrats“ tatsächlich nicht, zumal vorbelastet, aber mit Blick auf die anderen Zentralräte ist es für uns der einzig gangbare Begriff. Es geht uns schließlich darum, von der Politik ernstgenommen zu werden, was angesichts der jetzt schon 41% Konfessionsfreier höchste Zeit ist.
Übrigens sind diese Zahlen auch von der Tagesschau aufgenommen worden, was auf deren Facebook-Seite zu einer außergewöhnlich starken Debatte geführt hat: https://www.facebook.com/tagesschau/posts/10159960465259407.

Ihrer ganz persönlichen Einschätzung zur Giordano-Bruno-Stiftung will ich jedoch kurz widersprechen: Die Stiftung versteht sich als „Denkfabrik“, die sich als „…tragfähige humanistische, rationale und evidenzbasierte Alternative zu traditionellen religiösen und politischen Ideologien“ versteht und sich „an den Prinzipien der „offenen Gesellschaft“ orientiert.“ (siehe https://www.giordano-bruno-stiftung.de/denkfabrik-fuer-humanismus-aufklaerung). Sie vertritt also eine Philosophie, die stets davon ausgeht, sich auch täuschen zu können, weshalb sie keine unumstößlichen Wahrheiten formuliert – das wäre ein wichtiges Kriterium für eine Sekte. Auch für Ihre Behauptung, die Arbeit der gbs sei gefährlich, werden sie kein einziges Beispiel anführen können, dieser Vorwurf bleibt also vollkommen aus der Luft gegriffen. Was die Wirkung der Mitgliedschaft der gbs in unserem Zentralrat angeht wird sich zeigen, wie gut ihre prophetischen Fähigkeiten ausgeprägt sind 🙂

Ziel des Zentralrats der Konfessionsfreien ist es jedenfalls, gegen die religiös-politische Bevormundung in Deutschland anzugehen und auf einen säkularen Staat hinzuwirken, so wie ihn unsere Verfassung vorsieht. An diesem Ziel werden wir nichts ändern – versprochen!

Beste Grüße,
Philipp Möller

Philipp Möller
September 27th, 2021 at 11:44 am

Sehr geehrter Dennis Riehle,

Vielen Dank für Ihre kritischen Anmerkungen, auf die wir hier gern näher eingehen. Dass Sie die Umbenennung des KORSO in den Zentralrat der Konfessionsfreien nicht begrüßen, bedauern wir; zugleich haben wir nie damit gerechnet, diesen Weg ohne Widerstand beschreiten zu können – zumal von religiöser Seite nicht. Daher widersprechen wir Ihnen in einigen Punkten entschieden und formulieren abschließend unser Selbstverständnis.

Denn dieses Selbstverständnis beinhaltet nicht primär, die Interessen „konfessionsloser Christen“, wie Sie sich bezeichnen, zu vertreten. Sie mögen sich zu keiner der christlichen Konfessionen bekennen, aber indem Sie sich als Christ bezeichnen, bekennen Sie sich doch zur Lehre des Christentums. Wir möchten auch Ihrer Auffassung widersprechen, „Konfessionlose“ würden „im allgemeinen Sprachverständnis als der Kirche ferne Personen, aber nicht zwingend religiös bekenntnisfreie Menschen verstanden.“

Dieses Sprachverständnis stammt unseres Erachtens aus einer Zeit, in der die Frage nicht lautete: bist du religiös oder nicht?, sondern immer nur: bist du katholisch oder evangelisch? – weil eben weit über 90% der Menschen in Deutschland vollkommen selbstverständlich Christen waren. Diese Zeiten sind aber längst vorbei, die Gesellschaft ist weltanschaulich deutlich vielfältiger geworden. Eine „Konfession“ ist nicht nur das Bekenntnis zu einer bestimmten Spielart einer bestimmten Religion, sondern wird (auch im steuerrechtlichen Sinne) als ein Bekenntnis zur Religion verstanden.

Auch wollen wir nicht behaupten, alle Konfessionsfreien seien Atheisten – der Atheismus ist nur ein Aspekt unserer Arbeit und ganz sicher nicht der zentrale. Viele Menschen in unserem Spektrum verstehen sich als Agnostiker, und mit der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) haben wir kürzlich einen Mitgliedsverband aufgenommen, bei dem es weder um Atheismus noch um Religionskritik geht, sondern um die ausgesprochen konkrete Frage, warum der Staat sich anmaßt, den Menschen das Selbstbestimmungsrecht am Lebensende abzusprechen – was das Bundesverfassungsgericht schon längst als verfassungswidrig bezeichnet hat.

Und das wiederum führt zu unserem eigentlichen Ziel: die religiös-politische Bevormundung und Einschränkung zu überwinden. Dass Sie, Herr Riehle, unsere Namensgebung als „übergriffig“ empfinden und sich „zweckentfremdet“ fühlen, tut uns gewissermaßen leid, aber das werden wir angesichts der tatsächlichen Übergriffigkeit des Staates und der Religionsgemeinschaften aushalten müssen – und Sie auch. Wir wollen uns nicht größer machen als wir sind, sondern wir wissen:

Schon jetzt gehören 41% der Menschen in Deutschland keiner Religionsgemeinschaft an. Diese Menschen weisen in all unseren relevanten Themen eine sehr hohe Übereinstimmung auf: Schwangerschaftsabbruch, Sterbehilfe, Religionsunterricht, Kirchenfinanzen und -privilegien, kirchliches Arbeitsrecht, die Besetzung von Rundfunkräten … Und diese Einforderung des Rechts, ein Leben frei von Religion und religiöser Bevormundung leben zu können, geht weit über die 41% hinaus; sie ist unsere stärkste Legitimation. Denn kurz gesagt sprechen alle Fakten dafür, dass die Menschen schlicht keine Lust mehr haben, sich ihr Leben von selbsternannten Gottesvertretern oder deren Vertretern in der Politik vorschreiben zu lassen – und diese Haltung lässt sich mit der eigenen Konfessionsfreiheit am besten ausdrücken.

„Wer entscheidet über mein Leben?“, hat sogar das Sozialforschungsinstitut der EKD gefragt, und die Antwort lautete: „Ich.“ Gerade mal 20% der jungen Menschen, die zur katholischen oder evangelischen Kirche beigetreten wurden, bezeichnen sich heute als religiös. (1)
Wenn Sie also schreiben: „Nicht jeder Mensch, der die Kirche verlässt, kann automatisch zum säkularen Spektrum gezählt werden“, müssen Sie diese Aussage auch einmal umdrehen: Nicht jeder Mensch, der als Kind ungefragt getauft wird und damit als offiziell religiös gilt, teilt die weltanschaulichen Überzeugungen der Religionsgemeinschaften, und schon gar nicht die politischen.

Und genau darum geht es uns als Zentralrat der Konfessionsfreien: um die Politik. Schon in wenigen Jahren wird die sehr meinungshomogene Gruppe der Konfessionsfreien mehr als die Hälfte der Bevölkerung darstellen. Dass die expliziten Interessen dieser Menschen auch heute noch politisch ignoriert und eingeschränkt werden, ist nicht länger hinzunehmen – genau das wird der Zentralrat der Konfessionsfreien ändern.

(1) https://www.siekd.de/wp-content/uploads/2018/11/Broschuere-Was-mein-Leben-bestimmt.pdf

LEAVE A COMMENT

Koordinierungsrat säkularer Organisationen by TeslaThemes