Ein allererster, aber immer noch viel zu zögerlicher Schritt

Kommentar zur letzten katholischen Laieninitiative für die Abschaffung des Zölibats von Frieder Otto Wolf.

Eine Gruppe von prominenten katholischen Laien um den Bundestagspräsidenten Lammert hat von den deutschen Bischöfen jetzt gefordert, endlich den Zölibatszwang für Priester abzuschaffen. Das wäre ein schon lange überfälliger allererster Schritt, mit dem leider nicht zu rechnen ist. Aber auch dieser Schritt würde nicht ausreichen, um die katholische Kirche in Deutschland wirklich in der gesellschaftlichen Gegenwart ankommen zu lassen. Und zwar nicht deswegen, weil für jeden erwachsenen Menschen der Ehestand anzustreben wäre – darüber gibt es sehr berechtigten Streit.

Sondern weil es eine nicht hinnehmbare Diskriminierung ist, einer ganzen Berufsgruppe vom Gemeindepfarrer bis zum Kardinal die Möglichkeit einer Eheschließung zu verwehren. Und selbstverständlich auch, weil es indirekt dazu führt, dass die real existierenden, aber offiziell verleugneten LebenspartnerInnen noch weit schärfer diskriminiert werden.

Sicherlich muss niemand Priester werden – insofern ist das Zölibat formell freiwillig -, aber es gibt nun einmal Menschen hier und heute, die Priester werden wollen, weil sie glauben, dass sie das werden müssen („Berufung“). Und niemand kann leugnen, dass auch diese ein Problem mit dem Zölibat haben.

Nehmen wir also einfach nur Bezug auf die Menschenrechte, wie sie von der UNO, vom Europarat deklariert und vom Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in positives Verfassungsrecht umgesetzt worden sind: Wer das will, dem muss die Lebensform der staatlich sanktionierten Ehe zugänglich gemacht werden.

Das ist eine Minimalbedingung dafür, sich im Rahmen der hierzulande geltenden Verfassung in ihrer gegenwärtigen Interpretation zu bewegen. Wenn dies klar ist und diese menschenrechtliche Argumentation ernsthaft nachvollzogen wird, dann drängen sich sofort zwei weitere Fragenkomplexe auf:

1.    Niemand darf wegen seines Geschlechtes diskriminiert werden – Wo bleibt also die Initiative zur Öffnung des Priesteramtes für Frauen?

Manche werden vielleicht sagen: Priester gehören abgeschafft, also ist es besser, dass Frauen gar nicht erst Priesterinnen werden. So können Menschenrechte aber nicht funktionieren, wie sich am Beispiel der Soldatinnen gezeigt hat.

Solange es Frauen gibt, die das ernsthaft wollen, kann Frauen der Zugang zu einem derartigen Beruf – wenn überhaupt – nur aus ernsthaften, sachlichen Gründen verwehrt werden, die letztlich aus den Spezifika des weiblichen Organismus zu begründen wären.

Unabhängig von der durchaus spannenden Frage, ob es überhaupt derartige Bereiche gibt, in denen dies gilt, kann jedenfalls festgehalten werden, dass es derartige sachliche Gründe für den Ausschluss von Frauen aus dem Priesteramt einfach nicht gibt. Das beweisen allein schon die erfolgreich praktizierenden Priesterinnen in anderen, sonst mit der katholischen Kirche vergleichbaren christlichen Kirchen.

2.    Und niemand darf wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden, wobei klar sein sollte, dass etwa Gewalttätigkeit oder Ausbeutung von Abhängigen nicht durch Berufung auf eine entsprechende ‚sexuelle Orientierung‘ zu rechtfertigen sind – Wo bleibt die Initiative der katholischen Laien etwa zur vollen Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben in ihrer Kirche?

Wer unter den KatholikInnen tritt überhaupt dafür ein, dass alle Ausgestaltungen menschlicher Sexualität, die sich an das Gebot der Respektierung der anderen halten, mit der Ausübung des Priesteramtes vereinbar sein sollen?

Gewiss sollten sich die säkular gesonnenen Menschen nicht einbilden, dass sie ihre Sexualität ohne Konflikte und Probleme praktizieren können, bloß weil (und insofern) sie sich von derart überholten Formen einer patriarchalischen Moral befreit haben. Davon sind wir immer noch ein ordentliches Stück weit entfernt.

Und vielleicht lassen sich hier Leiden, Unbehagen und Unglück auch unter emanzipierten und säkularen Menschen nicht vermeiden.Aber das ist kein Grund, ein menschenrechtlich befreites Verhältnis zur menschlichen Sexualität und zu ihren je individuellen Ausprägungen gar nicht erst zu suchen.

Das mag schwierig sein und manche Menschen werden sich vielleicht wünschen, dass ihnen eine ‚höhere Instanz‘ diese schwierige Sorge abnimmt. In selbstgewählten und -gefundenen Formen immer wieder nach der Ausbalancierung von Arbeit und Liebe zu streben, wie dies der ungläubige Jude Sigmund Freud einst aus wissenschaftlicher Einsicht heraus postuliert hat.

Dennoch gilt gerade hier, wo sich so viel in menschlichen Lebensweisen und Lebensentwürfen entscheidet: Erst dann, wenn die katholische Kirche genau dies unverkürzt auch ihren Priestern zugesteht – erst dann wird es möglich sein, sie in der Gegenwart zu begrüßen: als eine als solche ernst zu nehmende, wirklich zeitgenössische Weltanschauungsgemeinschaft, die sich im Rahmen der Menschenrechte bewegt.

Davon ist sie immer noch sehr weit entfernt. Aber auch kleine erste Schritte wären ein wirklicher Fortschritt!