Rückenwind für den säkularen Aufbruch

Zwei Jahre nach dem „Aufbruch ins säkulare Jahrzehnt ist deutlicher Rückenwind für säkulare Themen und Belange zu spüren – meint Dr. Rainer Rosenzweig, der im abgelaufenen Jahr die Umwandlung des Koordinierungsrats säkularer Organisationen KORSO in den Zentralrat der Konfessionsfreien als Vorsitzender mitgestaltete. Die „säkulare Hysteresemag eine schnelle Wirkung des Rückenwindes verzögern: Verhindern wird sie ihn aber nicht mehr können – so seine Gedanken zum bevorstehenden Jahreswechsel.

Vor einem Monat wurde bekannt, dass das Erzbistum Köln in drei Jahren rund 2,8 Millionen Euro für Gutachter, Medienanwälte und Kommunikationsberater ausgegeben hat. Das ist fast doppelt so viel Geld wie es an Betroffene sexuellen Missbrauchs bezahlt hat: Die Gesamtsumme seit 2010 lag bei 1,5 Millionen Euro. Das Kopfschütteln über solcherlei Vorrang von Täterschutz eint die meisten Beobachter – konfessionsgebundene wie konfessionsfreie.

Eine ganz andere Meldung aus dem gerade zu Ende gehenden Jahr 2021: Zeit online hat im Jahr der Bundestagswahl 49 Menschen begleitet, die die Vielfalt Deutschlands abbilden. Zum Abschied haben sie Wünsche an die Politik formuliert. Einer der Wünsche lautet „Religionen sollen zukünftig staatlich nicht weiter gefördert werden. Die Kirchensteuer muss abgeschafft werden.“ Ein weiterer lautete „Wir müssen den Paragrafen 218 aus dem StGB streichen. Schwangerschaftsabbruch darf kein Straftatbestand mehr sein.“ Zuvor hatten die Ampelparteien in ihrem Koalitionsvertrag u.a. festgelegt, den umstrittenen Paragraphen 219 a ersatzlos zu streichen, der es medizinischem Fachpersonal verbietet, fachliche Informationen zu Schwangerschaftsabbrüchen bereitzustellen.

Und am ersten Weihnachtsfeiertag 2021 zitiert die Neue Zürcher Zeitung den Religionssoziologen Detlef Pollack mit der Prognose, dass die Bedeutung des Christentums 2022 zurückgehen wird. Grund dafür sei, dass „2022 erstmals weniger als die Hälfte der Deutschen einer der großen Kirchen angehören“ und es „damit zum Kipppunkt kommen kann, ab dem sich die Entkirchlichung beschleunigt“. Die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland Fowid konkretisiert diese Vermutung mit Zahlen. Gleichzeitig – so Pollack weiter – werde die Rolle des Islams steigen. Und die Konfessionsfreien?

2021: KORSO wird Zentralrat

Schon vor genau zwei Jahren war im Neujahrsgruß des KORSO zu lesen: „Die psychologische Wucht dieses Kipp-Punktes sollten die Säkularen nicht unterschätzen. Er wird einen gesellschaftsverändernden Schwung mit sich bringen, eine Sogwirkung, der sich die Politik auf Dauer nicht entziehen kann.“

Der 19. September 2021 kann in diesem Zusammenhang als bedeutendes Datum in der Geschichte der säkularen Bemühungen gelten: An diesem Tag hat sich die KORSO-Ratsversammlung mit überwältigender Mehrheit dafür ausgesprochen, den Tanker „KORSO“ mit einer umsichtigen Satzungsreform umzuwandeln in einen flexiblen, agilen und effektiven „Zentralrat der Konfessionsfreien“ – er wird die Herausforderungen des säkularen Jahrzehnts anpacken.

Eine dieser Herausforderungen ist das Wirken des Zentralrats nach „innen“. Denn: Noch bevor der Zentralrat überhaupt irgendwelche Aktivitäten entwickeln konnte, kam es bereits zu vereinzelter Kritik aus den säkularen Reihen. Langjährige Mitgliedsverbände wie der HVD, der DFW und der DFV wandten sich erst einmal ab. Kritisiert wurden nicht etwa konkrete Aktivitäten des Zentralrats, sondern das, was man sich darunter vorstellt, vermutet oder befürchtet: Wird der Zentralrat gegen Partikularinteressen des eigenen Verbandes agieren? Will er als Dachverband auftreten? Maßt er sich etwa an, für alle Konfessionsfreien zu sprechen? Andere wollen die konkreten Pläne lieber mitgestalten und haben sich 2021 dem Zentralrat angeschlossen: die Säkulare Flüchtlingshilfe, die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben DGHS und die Bundesarbeitsgemeinschaft Humanistischer Studierender. Weitere Beitrittskandidaten stehen an der Schwelle, andere werden sich wieder verabschieden. Der Zentralrat hat also bereits mit dem Gründungsakt gehörige Bewegung im – bisher arg träge agierenden – säkularen Spektrum erzeugt, noch bevor er überhaupt losgelegt hat.

Bei all dem Wandel haben sich die Akteure des Zentralrats fest vorgenommen, genau hinzusehen, aus berechtigter Kritik zu lernen, kritisch und selbstkritisch zu reflektieren, und dabei die dahinterliegenden legitimen Interessen und Sorgen von Verbänden und Einzelpersonen zu verstehen und ernst zu nehmen. Denn eines ist klar: Die säkularen Kräfte stehen alle auf der gleichen Seite, wenn es darum geht, weltanschauliche Gleichbehandlung in Politik, Medien und Gesellschaft einzufordern. Dort, wo Kritik am Zentralrat auf Missverständnissen beruht, wird die Kommunikationsstrategie angepasst und verbessert. Perfekt werden wir dadurch nicht. Aber besser.

Säkulare Pläne für 2022

Die eigentlichen Herausforderungen, denen sich der Zentralrat zu stellen hat, liegen aber nicht innerhalb des säkularen Spektrums. Die dort heiß diskutierten Themen sind für viele Menschen mit säkularen Interessen, die noch gar keinen oder bisher nur wenig Kontakt zu den Verbänden haben, schwer zu vermitteln. Denn: Die erwartete Entwicklung der Gesellschaft schreitet auch ohne Zutun säkularer Interessensgruppen wie erwartet voran. Sind die Säkularen für den möglicherweise bevorstehenden Kipp-Punkt (s.o.) gerüstet?

Der Zentralrat der Konfessionsfreien arbeitet daran: Genau drei Monate nach der „Gründungsversammlung“ hat der Zentralrat am 19. Dezember 2021 die magische Marke von 1000 Followern auf Twitter überschritten. Die säkulare Community entsteht also. Bisher noch langsam, aber sie wächst – und sie wächst zusammen. Für ihren nachhaltigen Erfolg ist essentiell, dass es gelingt, die geballte Kompetenz aus dem säkularen Spektrum zu repräsentieren und dabei nicht nur den Verstand der Menschen zu gewinnen, sondern ihre Herzen.

Hier ein kleiner Ausblick auf das, was vom Zentralrat der Konfessionsfreien im kommenden Jahr erwartet werden darf: Im Frühjahr 2022 werden wir uns mit einem neuen Design, einer neuen Website, verstärkten Aktivitäten in den Sozialen Medien und klaren Inhalten der breiten Öffentlichkeit vorstellen – und mit einem neuen Gesicht: Philipp Möller, bekannt als Aktivist der säkularen Buskampagne 2009 und als Autor populärer Bücher wie „Isch geh Schulhof“, „Gottlos glücklich“ oder „Isch geh Bundestag“, wird die Rolle des konstruktiven Ansprechpartners für säkulare Belange ausfüllen. Religions- oder Kirchenkritik, die viele noch mit ihm verbinden oder von ihm erwarten, wird dabei allerdings nicht im Vordergrund stehen. In erster Linie geht es darum, die Interessen von Menschen, die sich keiner Konfession zugehörig fühlen, herauszufinden und ihnen ein Angebot zu machen, das zu ihren Bedürfnissen passt. Vereinnahmen will der Zentralrat diese Menschen nicht – die diesbezüglich befürchtete „Übergriffigkeit“, der unterstellte „Größenwahn“ beruhen auf einem Missverständnis. Es geht darum, denjenigen ein Angebot zu machen, die sich durch eine bevorzugte Behandlung religiöser Positionen in Politik und Medien diskriminiert fühlen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Legitimität durch Mitgliedschaft ist in einer Zeit, in der die meisten Menschen sich nicht mehr an (weltanschauliche) Verbände binden wollen, ein aussterbendes Konzept. Die Grundlage des Zentralrats der Konfessionsfreien ist der weltanschauliche Gleichberechtigungsgrundsatz, der im Grundgesetzt formuliert ist.

Die „säkulare Hysterese“, die im Neujahrsgruß vor einem Jahr beschrieben wurde, mag den Umstand der Bevorzugung einzelner Religionen erklären; legitimieren kann sie ihn auf Dauer nicht. Darauf wird der Zentralrat der Konfessionen hinweisen – nachhaltig und bestimmt.

Eines der weiteren Ziele des Zentralrats ist es, mit relevanten Entscheidungsträgern in den Regierungsparteien und in der Opposition Kontakt aufzunehmen, sich als konstruktiver und kompetenter Partner zu erweisen und zu etablieren. Am Ende der Legislaturperiode wird die Erkenntnis stehen, dass der Zentralrat der Konfessionsfreien in weltanschauungspolitischen Fragen eine feste politische Größe ist, die nicht mehr ignoriert werden kann. Selbst wenn dieses Ziel am Ende des nächsten Jahres vielleicht noch nicht ganz erreicht sein wird: Ein paar Schritte sollen bis dahin passiert sein. Nicht weil der Zentralrat von vornherein alles richtig machen, jeden überzeugen und alle von sich begeistern wird. Sondern schon alleine deswegen, weil es ihn gibt und er die Segel setzt – für den Rückenwind, der aus der offenen, säkularen Gesellschaft heraus ohnehin schon kräftig weht.

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