HVD-Präsident verurteilt Papst-Äußerungen

Heute bezog der Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschland, Frieder Otto Wolf, Stellung zu den Äußerungen von Benedikt XVI. während seines Besuchs in Großbritannien. Der Papst hatte in seiner ersten Rede das britische Königshaus vor nichtreligiösen Bewegungen gewarnt.

Er hatte dazu auf Nazi-Tyrannei und Hitlerfaschismus des letzten Jahrhunderts verwiesen. Die Äußerungen des Kirchenführers verurteilt Wolf als falsch, beleidigend und diskriminierend. Zudem erörtert er Ursachen der geistigen Verbohrtheit von Benedikt XVI. und meint, intellektuell könne dieser vorerst nicht beanspruchen, im weltanschaulichen Polylog ernstgenommen zu werden.

„Es bedarf keiner weiteren Argumente, um klar zu stellen, dass der Papst bei seinem Besuch Großbritanniens beleidigenden und diskriminierenden Unsinn geredet hat“, so Frieder Otto Wolf in einem Kommentar gegenüber der Humanistischen Akademie. Atheisten seien weder ohne ethische Prinzipien noch sind atheistische Haltungen in irgendeiner Weise für die großen Verbrechen des 20. Jahrhunderts haftbar zu machen. Vielmehr, so Wolf, waren diese „das Ergebnis einer vor allem europäischen Geschichte, deren Protagonisten weder der Atheismus noch die Aufklärung gewesen sind.“

Wolf, habilitierter Philosoph und Politikwissenschaftler, sieht zwei Gründe, weshalb derartige Äußerungen und falsche Behauptungen seitens des vielleicht mächtigsten Mannes der Welt und seiner Anhänger „plausibel oder zumindestens erwägenswert erscheinen“. Eine aus Wolfs Perspektive mögliche Vorlage für die absurden Vergleiche des deutschen Papstes, sei „ein reduziertes Verständnis von Vernunft einerseits und ein idealisiertes Verständnis von Kirche andererseits.“

Als eine Ursache sieht Wolf einen Rückzug der Philosophie von einst bedeutenden Feldern: „Dieses historische Debakel der Vernunft hat eine Haltung an Plausibilität gewinnen lassen, die in grundlegenden Fragen nicht mehr auf die vernünftige Prüfung von Argumenten und Gegenargumenten setzt, sondern auf eine irrationale Entschlossenheit“, erklärt Wolf.

Mit seinem Befund steht er dabei längst nicht allein. Michael Schmidt-Salomon, wie Wolf ein Vertreter des Diskurses über einen zeitgenössischen und säkularen Humanismus, kritisierte bereits ausführlich, „dass die Menschen in religiösen Dingen jegliche Gefühl für intellektuelle Redlichkeit verloren haben.“ Frieder Otto Wolf stellt nun einmal mehr fest, es gäbe heute „einfach keinen vernünftigen Grund dafür, die rationale Auseinandersetzung um Fragen von Ethik, Politik und Weltauffassung aufzugeben“. Josef Ratzinger setze dies jedoch ungeprüft als Prämisse voraus.

Zudem sieht Frieder Otto Wolf das Denken des Papstes blockiert.  Einen Grund macht er in dessen Begriff von der Kirche als göttlicher Stiftung aus. Denn anzunehmen, dass „ein offensichtlich kluger und gebildeter Mann“ wie Benedikt XVI. „ohne zu Erröten einen derart hanebüchenen Unfug behaupten kann“ und die Verstrickung der katholischen Kirche während der Zeit des europäischen Faschismus vergessen habe, hält er für unmöglich. Das sei „absurd“.

Grundsätzlich wäre die Einsicht in die historische Angefochtenheit der eigenen Tradition möglich, wodurch sie mit einer zeitgemäßen Aufklärung vereinbar würde. „Aber sie kann ihre aktive Verstrickung in große historische Verbrechen auch nicht dadurch verdrängen, dass sie einfach behauptet, die darin historisch verstrickte Kirche sei gar nicht die ‚wahre Kirche‘ gewesen.“

Die Entwicklung eines modernen Katholizismus hält Frieder Otto Wolf, anders als andere säkulare Philosophen, hingegen für grundsätzlich möglich. Voraussetzung sei, dass dieser Katholizismus „diese beiden blind und dialogunfähig machenden Prinzipien überwindet, wie sie den Diskurs des gegenwärtigen Papstes verzerren.“

Er fordert somit, dass intellektuelle Redlichkeit und ein kritisches Bekenntnis zur eigenen Geschichte wieder Voraussetzung für den weltanschaulichen Polylog werden – auch seitens der katholischen Kirche. Vorher könne sie „vernünftigerweise nicht beanspruchen, als ein ernst zu nehmender Partner am Polylog der Weltanschauungen der Menschheit teilzunehmen.“

Abschließend verweist er darauf, dass die Meinungen des Papstes aber doch so einfach nicht abgehakt werden könnten. Dabei weist er darauf hin, dass diese Probleme nicht nur auf die Führer der katholischen Kirche beschränkt sind. Da auch außerhalb dieser Kirche vielfach keine offenen und kritischen Verständnisse von Vernunft praktiziert würden, müsse man Benedikt XVI. doch „faktisch ernst nehmen.“

Frieder Otto Wolf plädiert deshalb an alle kritisch Denkenden eine Praxis der „offenen Vernunft zu entfalten“ und eigene historische Entwicklungslinien selbstkritisch aufzuarbeiten.

Quelle: http://www.wissenrockt.de/2010/09/23/hvd-prasident-verurteilt-papst-auserungen-10965/ sowie http://www.wissenrockt.de/2010/09/16/papst-vergleicht-sakulare-bewegung-mit-nazi-zeit/