Frieder Otto Wolf kritisiert EKD-Präses Schneider

Einen lauten und aggressiven Atheismus beschrieb Nikolaus Schneider, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, am Montag auf der Landessynode in Bad Neuenahr. Frieder Otto Wolf, Philosoph und Repräsentant konfessionsfreier Menschen, sieht wegen der Worte des Theologen Klärungsbedarf

Zu Schneiders Meinungen gegenüber den Themen Atheismus und Islam verfasste Wolf einen „offenbar notwendigen Kommentar“. Die Formulierungen Schneiders seien keine “lässliche Sünde”, erklärt er darin und fragt, ob der Theologe „wirklich beanspruchen kann, von der Aufklärung und der Religionskritik gelernt zu haben.“

Frieder Otto Wolf kommentiert Nikolaus Schneiders Auffassung zu „Atheismus“ und „Islam“. Der Philosoph lehrt an der Freien Universität Berlin und ist amtierender Präsident des Humanistischen Verbandes und Vorsitzender des Koordinierungsrates säkularer Organisationen in Deutschland.

Nikolaus Schneider, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, hat in seinem Bericht an die 62. ordentlichen Landessynode in Bad Neuenahr am 10. Januar 2011 die folgende suggestive Formulierung gefunden:

„Zwei Phänomene empfinde ich gegenwärtig für unser Reden von Gott als Beschwernis und Chance zugleich: Zum einen wird der Atheismus lauter und aggressiver. Zum anderen tritt der Islam unbefangen und von Auf­klärung und Religionskritik kaum irritiert in unserer Gesellschaft auf.

Beides fordert heraus, Stellung zu nehmen und die eigenen religiösen Wurzeln und Glaubensinhalte neu zu reflektieren. Wir Christinnen und Christen und unsere Kirche haben die Aufgabe und die Chance, von der Heiligen Schrift inspirierte Gottesvorstellungen und Lebenskonzepte zu vertreten und zu leben und darin ganz konkret ‚missionarisch Volkskirche‘ zu sein.“

Es geht hier um das Selbstverständnis der Evangelischen Kirche als eine „Volkskirche“ mit dem Anspruch, ein „wir“ der „Christinnen und Christen“ zu vertreten und dafür „missionarisch“ zu wirken.

Dass dieser Anspruch unter den real existierenden „ChristInnen“ hierzulande umstritten ist – welcher Katholik möchte wohl von Präses Schneider „missioniert“ werden und was heißt in einer wirklich zeitgenössischen Theologie überhaupt noch „Mission“? – muss säkular und humanistisch denkende Menschen nicht viel angehen.

Aber sowohl das Konzept der „Missionierung“ als auch das Konzept der „Volkskirche“ laden zu kritischen Rückfragen ein: Ist hier eine „Kirche von unten“ gemeint, die durch das „Kirchenvolk“ bestimmt wird?

Oder geht es darum, die Zugehörigkeit zum „Volk“ – ich wage hier angesichts der deutschen Geschichte keine attributive Bestimmung (deutsch? europäisch? abendländisch? westlich?) – irgendwie, und sei es auch nur ‚historisch’ an „die Kirche“ (welche – die eigene von Herrn Schneider?) zu binden.

Und dem gemäß alle „Andersartigen“ aus diesem „Volk“ mehr oder minder freundlich hinaus zu komplimentieren? Ich finde, Herr Schneider bleibt hier in fahrlässiger Weise zweideutig – und das ist für einen Intellektuellen, um mich theologisch verständlich auszudrücken, die „Sünde wider den Heiligen Geist“!

Damit sind wir noch gar nicht bei der Rede über „Beschwernis und Chance“ für das „Reden von Gott“ dieses zweideutig bleibenden „wir“.

Es fällt doch auf, wie hier zwei Pauschalisierungen miteinander kombiniert werden: „Der Islam“ und „der Atheismus“ werden zu historischen Subjekten imaginiert – was sie sicherlich nicht sind – für eine intellektuell redliche Debatte ist hier zu fordern, dass klar angegeben wird, von was jeweils geredet wird.

Gewiss gibt es auch Aussagen über den Atheismus im Allgemeinen, die für den sogenannten „alten“ und den sogenannten „neuen Atheismus“ gleichermaßen sinnvoll und richtig sind oder über den Islam im Allgemeinen, die Sunna und Schia, sowohl  etwa Wahhabiten als auch Sufis, sowohl magrebinische oder türkische, als auch indische oder indonesische Muslime in gleicher Weise charakterisieren.

Aber die hier getroffene Aussage – die eigentlich gar nichts mitteilt außer einer Bewertung –, dass nämlich „der Atheismus lauter und aggressiver“ und „der Islam unbefangen und von Auf­klärung und Religionskritik kaum irritiert in unserer Gesellschaft auf[tritt]“ beziehen sich genau betrachtet nicht auf Atheismus und Islam im Allgemeinen, sondern auf spezifische Tendenzen atheistischer Publizistik zum einen und auf die Tätigkeit bestimmter muslimischer Gruppen zum anderen.

Darüber wäre jeweils spezifischer zu reden und es wäre auch zu fragen, wie „laut und aggressiv“ Vertreter des Christentums auftreten und welche Christengruppen nicht weniger „unbefangen und von Auf­klärung und Religionskritik kaum irritiert in unserer Gesellschaft auf[treten]“.

Sogar Präses Schneider muss sich die Frage gefallen lassen, ob die – zugegeben ziemlich unauffällige – Art, wie er hier daran mitstrickt, intellektuelle und soziale Auseinandersetzungen zu einem „Kampf der Kulturen“ zu stilisieren, wirklich beanspruchen kann, von der Aufklärung und der Religionskritik gelernt zu haben.

Und dies ist in einer gesellschaftlichen Krisensituation, in der zum einen leider gewichtige Kräfte nach neuen Ketzerprozessen rufen und zum anderen von rechtsextremer Seite eine antimuslimische, wie ich sagen würde „neorassistische“ Hetze betrieben wird, leider – wiederum theologisch verständlich ausgedrückt – keine „lässliche Sünde“.

Quelle: http://www.wissenrockt.de/2011/01/12/frieder-otto-wolf-kritisiert-ekd-prases-schneider-14946/