Überflüssige säkular-humanistische Querelen

(hpd) In der Positionierungsdebatte sollte weniger Polemik und mehr gegenseitige innersäkulare Toleranz angesagt sein.

Ein Kommentar von Gerhard Czermak

Ein „profilierter und gesellschaftspolitisch bündnisfähiger organisierter Humanismus“, ach, wär das was Schönes! Der diesen Wunsch äußert, der Philosoph Frieder Otto Wolf, ist kein Unbedeutender im deutschen organisierten Humanismus. Prof. Wolf ist Präsident der Humanistischen Akademie Deutschland und Vizepräsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands (HVD), dazu Vorsitzender des Koordinierungsrates säkularer Organisationen (KORSO).

Da im mühsam entstandenen KORSO recht unterschiedliche Verbände zusammengeschlossen sind, sollte man meinen, dass ihr erster Vorsitzender ihre Gemeinsamkeiten in den Vordergrund stellt. Aber weit gefehlt! Er prangert den „neuen Atheismus“ an, bekämpft die religionskritische Buskampagne als „Spaßguerilla“, sieht als vorrangige Partner für praktische Bündnisse „religiöse Menschen mit humanem Engagement“, hält „gründliche Selbstkritik“ im Hinblick auf historische Eugenikphantasien säkularer Szientisten und den Stalinismus für angebracht und sieht in säkularen Gruppierungen außerhalb des HVD grundsätzlich offenbar nicht Bündnispartner, sondern „Auseinandersetzungspartner“. Dabei befürchtet er „säkularistischen Hochmut“, eine „Überschätzung des ‚neuen Atheismus‘“ und einen unfairen „fundamentalistischen Atheismus“, etwa wenn „generalisiert islamophobische Propaganda“ betrieben wird. Solchen Fundamentalismus scheint er sogar schon da am Werk zu sehen, wo der Slogan „Glaubst du noch oder denkst du schon?“ verwendet wird. Wer so etwas tut, hat nach Wolf „einfach nicht wirklich verstanden, worum es heute geht“. Oder hat vielleicht Prof. Wolf nicht richtig registriert, worum es dem KORSO geht? Und (gar nicht benannte) säkulare Kräfte als „nützliche Idioten eines antihumanen Bündnisses“ zu bezeichnen, ist nicht gerade hilfreich für eine differenzierte Sachdiskussion.

In der Grundsatzerklärung der zahlreichen Mitgliedsverbände einschließlich der Verbände des Dachverbands Freier Weltanschauungsgemeinschaften (DFW) vom 17.11.2008 sind zahlreiche Gemeinsamkeiten dieser Verbände aufgeführt. Insgesamt und darüber hinaus bekennen sich wohl alle zu folgenden Grundsätzen: Säkulare, rechtsstaatlich-pluralistische Demokratie, Grundrechte, insbesondere allgemeine Religions- und Weltanschauungsfreiheit auf der Basis der Gleichberechtigung, Selbstbestimmungsrecht des Individuums, Beseitigung der zahlreich vorhandenen Diskriminierungen säkularer Verbände und säkularen Denkens, Toleranz im Sinn von Respektieren anderer Meinungen auf der Grundlage der Gegenseitigkeit, gleichberechtigte Integration religiös-weltanschaulicher, politischer und kultureller Minderheiten, soweit sie diesen Grundkonsens akzeptieren.

Soweit ersichtlich und ausweislich der jeweiligen Verbandsgrundsätze stehen die KORSO-Mitglieder im Rahmen ihrer unterschiedlichen Aufgabenstellungen auf dieser Basis. Prof. Wolf sollte klipp und klar sagen, ob diese Basis aus seiner HVD-Sicht für ein säkulares Bündnis für alle am 17.11.2008 beschlossenen gesellschaftlich-politischen säkularen Forderungen ausreicht oder nicht. Andernfalls sollte er als KORSO-Vorsitzender zurücktreten. Ggf. wäre es nur fair, wenn er die Verbände konkret benennen würde, denen er säkularistischen Hochmut, pauschale islamfeindliche Propaganda u.a. vorwirft und wenn er seine konkrete verbandspolitische Schlussfolgerung daraus kundtun würde.

Dass die Wolf’sche Position eine Gegenreaktion auslösen würde, wundert nicht. Aber musste sie gleich so scharf ausfallen wie die teilweise böse wirkende von Andreas Müller? Sicher: bei der Rede von der pauschalen Islamkritik hat sich Wolf vertan. Ich wüsste keinen KORSO-Verband, der als solcher undifferenzierte Islamkritik betreibt. Und wenn es doch einen gäbe, müsste er genannt werden. Wie nötig eine nicht-naive Islamkritik (bei der man religiöse Aspekte, Alltagsverhalten und die gerade auch in Deutschland stattfindenden ständigen Veränderungen auseinander halten muss) ist, hat Müller eindringlich dargelegt. Und dass Wolf ausgerechnet die interessenpolitische Argumentation mancher konservativer Politiker und religiöser Repräsentanten aufnimmt, Stalinisten und Nazis seien auch säkular gewesen, stößt Andreas Müller zu recht sauer auf. Nicht ohne Grund hat sich zu diesen menschenverachtenden Systemen die politikwissenschaftliche Rede von den „politischen Religionen“ etabliert. Im Namen der Säkularität wurden keine Kriege und Massenmorde begangen.

Aber Müller übertreibt seine Kritik, wenn er gegen die humanistischen „Gutmenschen“ losgeht und ihre säkularen Sozialangebote für überflüssig erklärt. Die Erwartung, dass sich an den religiösen Sozialmonopolen und Teilmonopolen in absehbarer Zukunft etwas ändern könnte, ist derzeit völlig illusionär, nicht aber, dass säkulare Ergänzungsangebote in der Öffentlichkeit das Bild vom säkularen Humanismus positiv beeinflussen und die humanistische Identität stärken könnten, von den mittelfristigen Auswirkungen auf die Ausbildungs- und Beschäftigungssituation ganz abgesehen. Wenig verständlich ist mir die Ansicht, man solle sich besser gar nicht „Humanist“ nennen, dann könne man ein besserer Humanist sein. Der von der säkular-humanistischen Bewegung gemeinte „Humanismus“ lässt sich ganz gut definieren und es gibt dazu genügend inhaltlich übereinstimmende Texte. Aber zum Erfolg und zur Identitätsbildung bedarf es positiver Begriffe, und diese Begriffe muss man auch öffentlich besetzen. Sonst wird man unter Humanismus wieder lediglich den christlichen Humanismus des 16. Jh. und den des Humanistischen Gymnasiums verstehen, wie das bis vor 10 Jahren noch nahezu allgemein der Fall war. Und dass rechtsradikales Gedankengut nicht zu „unserem“ Humanismus gehört, ist doch heute selbstverständlich.

Ich halte dafür, dass säkulare Humanisten weniger polemisch miteinander umgehen, über ihre zahlreichen und grundlegenden Gemeinsamkeiten hinaus ihre jeweils speziellen Präferenzen pflegen und sich dabei auch entsprechend der Toleranzforderung verhalten.

Ein Verband, der säkular-humanistische Sozialeinrichtungen für sinnvoll hält und auch organisatorisch zu ihrem Betrieb in der Lage ist, soll dafür nicht Angriffe aus dem eigenen Lager einstecken müssen; wer Kirchen- und Religionskritik betreibt, sei es sachlich-wissenschaftlich, sei es in Formen der Kunst, soll nicht damit rechnen müssen, als Idiot oder antihuman bezeichnet zu werden; man sollte sehen, dass es einen Unterschied macht, ob eine im weiten KORSO-Sinn humanistische Organisation dezidiert Religionskritik betreibt, dabei aber doch punktuell mit religiösen Organisationen oder Einzelpersonen zusammenarbeitet (was nicht ungewöhnlich ist), oder ob ein mehr sozial engagierter Verband religiöse Bündnispartner bevorzugt und Verbände aus dem „eigenen“ Lager mit ihren anderen Prioritäten, Stärken und Schwächen ablehnt. Wer die aktuelle „Buskampagne“ befürwortet, möchte weder als Anhänger einer „Spaßguerilla“, noch als Anhänger antihumaner Polarisierung gegeißelt werden. Es gibt nämlich gute Gründe für eine solche Gott-ist-tot-Werbung. Sie ist nicht aggressiver als „Jesus lebt“ oder ähnlich und soll öffentlich zeigen, dass es ganz normal ist, keinen Gottesglauben zu haben, aber nicht normal, die nichtreligiöse Einstellung gesellschaftlich-politisch zu ächten. Immerhin glauben nur 20% der deutschen Bevölkerung an einen persönlichen Gott, wollen aber die Gesellschaft unfair dominieren. Da die Buskampagne in manchen Gegenden kontraproduktiv sein könnte und das ganze auch eine Geschmacksfrage ist, eignet sie sich nicht für eine verbandspolitische Auseinandersetzung.

Fazit: Weniger Polemik und mehr gegenseitige innersäkulare Toleranz ist angesagt, und wenn Kritik, dann bitte unter konkreter Benennung des Gemeinten. Auch wäre zu fragen, ob nicht manche Kontroversen, insbesondere solche von verbandspolitischer Bedeutung, besser intern ausgetragen werden. In diesem Fall ist das ja leider nicht mehr rückgängig zu machen.